LABOR DER ZUKÜNFTE: Kollektives Erinnerungsprotokoll zur Eröffnung des Labors am 6. Februar 2017

Folgender Text ist ein Versuch kollektiven Denkens und Schreibens. Die Gastgeber*innen des LABORS DER ZUKÜNFTE haben nach der Laboreröffnung am 6. Februar 2017 jeweils individuell ein Erinnerungsprotokoll zum erlebten Abend geschrieben. In einem weiteren Schritt wurden die fünf Perspektiven zu einem Text montiert. Dies ist das Ergebnis. Wir wünschen eine anregende Leseerfahrung und freuen uns auf Feedback. Gerne als Kommentar, Mail oder analog in der Shedhalle.

 

Labor der Zukünfte: Eröffnung, 6. Februar 2017, ab 18:00

Ein gemeinsames Erinnerungsprotokoll von Christopher, Nele, Maja, Lisa und Miriam

 

17:00

Unsere Idee war ja erst mal, dass wir diesen Raum nur als mehr oder weniger öffentliches Atelier, als Proberaum benutzen, ganz ohne Produktions-Druck. Einfach mal: Wir arbeiten jetzt hier und lassen interessierte Leute gerne an diesem Prozess teilnehmen. Einfach nur die Tür aufmachen und sagen: Schaut mal, wir arbeiten hier gerade so, ihr könnt gern reinkommen wenn ihr mögt. Naja, davon haben wir uns dann doch ziemlich schön verabschiedet.

Wir hatten mindestens zwei Tage und Nächte lang überlegt, wie wir u.a. mit diesem grossen Raum (700m2) bei der Laboreröffnung umgehen und klar kommen wollen. Damals hatten wir die Idee, dass wir den unterschiedlichen Wänden je ein Thema bzw. eine Kategorie zuschreiben, die Wände aber vorerst weiss (leer) lassen. Gemeinsam mit den Gästen wollten wir dann während der Eröffnung durch die Halle spazieren und jeweils vor einer ‘weissen Wand’ innehalten und imaginieren wie z.B. zukünftige utopische Gesellschaftsordnungen oder Wirtschaftssysteme aussehen könnten.

Das waren lustige Zeiten, als man (auch Neue Dringlichkeit) sich darin perfektioniert hatte den Schein des Unfertigen zu inszenieren. Nichts sollte so aussehen, als ob es fertig wäre. Alles war Bewegung. Der Laborcharakter (skizzenhaft, unfertig, forschend) sollte auf allen Ebenen der räumlichen Inszenierung widerspiegelt werden. – Jedes Detail war zwar inszeniert, nur durfte es nicht den Schein des Inszenierten haben. Everything was a draft, constantly transforming itself and never ending.

Eine Stunde bevor die Tür aufging war eine Stimmung im Raum, als würden wir gerade den Start einer Rakete vorbereiten. Von „wir machen einfach mal nur die Tür auf“ ist nicht viel übrig geblieben. Der „missgünstige unbeteiligte Dritte“ hatte sich eingeschlichen. Die Perspektive, aus der man sich selbst betrachtet, so als wäre man jemand anderes, der einen nicht kennt und der keine besonders liebevolle Art zu feedbacken hat. Plötzlich fand ich mich selbst dabei eine Beamer-Projektion mit einer lebensgrossen Version von Nele millimetergenau auf eine Wand auszurichten, wir designten eben mal noch in InDesign in unserer Spezialtypo Beschreibungsblätter und diskutierten über die genaue Formatierung und Wortwahl, während andere Teile des Teams gleichzeitig kilogrammweise Rote-Beete-Spezial-Humus herstellten.

Rückblickend (53 Jahre später) kann man sagen, dass uns vor allem die Art der oben erwähnten Aufgaben davon abgehalten haben uns gemeinsam auf die Eröffnung einzustimmen. Wir waren kurz vor der Laboreröffnung sehr vereinzelt unterwegs. Jede und jeder mit seinen Aufgaben beschäftigt. Aufgrund der technologischen Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz konnten wir bei der diesjährigen Eröffnung des Labors der Zukünfte 2070 viele Aufgaben an Bots und im speziellen auch an Androiden outsourcen: Tanya, die Androidin, die gerade den Fussboden fegt, weil ich vor lauter Nervosität eine volle Schüssel Blütensnacks umgeworfen habe, hat dieses Jahr viele dieser Aufgaben übernommen. Z.B. brachte sie die Media-Player zum laufen. (Ja, die Media-Player sind richtig robust (kein Bug-Potenzial) und haben bis heute überlebt. Christopher meinte schon bei der allerersten Laboreröffnung im 2017, dass man diese für die Zukunft gebaut hat.) Tanya hat auch in Windeseile das Gemüse gewaschen und geschnitten und Felix, unsere Drone, war die Getränke einkaufen. Aufgrund dessen hatten wir erstens genügend Zeit ausgiebig über die intermediale Eröffnungsrede zu diskutieren und zweitens konnten wir einen Audioguide erstellen, der einen Überblick über das Labor und die darin stattfindenden Prozesse verschafft. Sehr hilfreich war auch Kayo, der uns zum perfekten Zeitpunkt vor der Eröffnung noch darauf hingewiesen hat, dass wir gerade das falsche Video im Kino abspielen.

 

17:40

Der Schock: die erste Besucherin war schon 20 Minuten vor der Öffnung der Türen da.

Ein Mädchen mit Brille kommt herein. Niemand begrüsst sie richtig. Lisa wirft schnell ihr Kleid über: Noch ohne Kleid – damit es nicht eingesaut wird, den Humus pürierend, kam der erste Gast rein und das Gefühl den „Anfang“ verpasst zu haben blieb über den Abend weg präsent.

Alle räumen rasch die letzten Dinge an ihren Ort. Miriam fegt noch den Boden. War die Tür die ganze Zeit offen? Der Sekt muss noch vorbereitet werden. Ich tropfe blaue Tropfen in die Karaffe. Sekt drauf. Der Schaum hält sich ewig und ist blauschlierig. Samuel will mich begrüssen. Ich halte in einer Hand die Karaffe, in der anderen die Sektflasche und weiss nicht wie ich ihn umarmen soll. Das Mädchen hat sich neben die Stühle gesetzt, während wir noch die Jacken und Taschen und Technik in die Küche schaffen. Sie macht Notizen. Ich schaue mich um nach den anderen und sehe sie nie alle gleichzeitig. An jedem Punkt des Labyrinths sollten immer mindestens zwei Notausgänge sichtbar sein.

Mehr Menschen (eine Gruppe von etwa fünf Leuten) kommen herein. Es ist immer noch nicht sechs.

Wir öffnen die Türen, bevor sie geöffnet sind. Bzw. sie sind offen, obwohl wir sie noch zu meinen. Die ersten Gäste kommen herein, wir begrüssen sie herzlich, obwohl wir noch nicht bereit sind. Das ist gastfreundlich, aber wir verpassen den wichtigen Moment für einen gemeinsamen Beginn. Wir hatten gedacht, dass wir rechtzeitig fertig werden und dann nochmal zusammenkommen, um uns auf die Eröffnung vorzubereiten. Was wir nicht gedacht hatten, war, dass die Leute schon vor 18.00 aufkreuzen.

 

18:05

Glückwunsch zur Eröffnung höre ich. Aber es ist doch gar keine Eröffnung! Will ich erwidern. Also doch, aber nicht von einer Ausstellung. Da ist die Gratulantin schon wieder fort.

Nachdem ich mich eine ganze Weile an den Tisch gebunden gefühlt hatte, schien mir ein Gespräch mit anderen Menschen zwar wenig einladend, aber doch notwendig.

Ich begann – zunächst schüchtern – einige Menschen zu begrüssen und ihnen zu erklären, was das hier ist. Dass es uns darum geht, einen Arbeitsraum zu öffnen, einen Prozess öffentlich zugänglich zu machen, etwas unfertiges zu zeigen. Ich habe oft den Alptraum, dass ich auf der Bühne stehe und nicht weiss, was ich spielen soll. Völlig unvorbereitet. Ähnlich ist es, eine Ausstellung (so kam es mir dann eben doch vor) zu eröffnen, die 700 qm gross ist, aber fast leer.

Die ersten zwei Touren auf die ich einige Gäste einlade sind in Ordnung, aber verharren im höflich-freundlichen. Zwei der Gäste kommen später wieder auf mich zu und ich komme in gute Gespräch mit ihnen. E ist wichtig, sich einmal als Gastgeberin zu erkennen gegeben zu haben.

Ich sehe Tine. Ich kenne Tine. Hallo, hast du Lust auf eine Führung? Hier vorne haben wir gearbeitet. Die Post-Its haben wir während unserer Gespräche geschrieben und dann an die Wände gebracht. Schau, hier ist die Abteilung für Kostüme wo Lisa und Dagmar Fragen für die Kleidung der Zukunft stellen. „Ich will mich jeden Tag fühlen wie Schlagsahne!“ Ich weise auf das Do-Touch-Post-It hin. Mann neben uns fasst das lasergecuttete Papier direkt über dem Post-It an. Das ist unsere Leseecke mit Zukunftsbibliothek. Und hier ist der grosse Raum, den wir später mit konkreten Gedanken zu einzelnen Themen füllen wollen. Die Themen sind gerade noch vorläufig angebracht, das haben wir erst gestern entschieden. Wir hoffen auf Gespräche und Hinweise für diesen Bereich. „Ein Freund von mir – er hat für den Cybathlon gearbeitet, bei dem ihr wart – macht da was zu Körper und Technologie. Ich bringe euch beim nächsten mal etwas darüber mit.“ Danke, super! Du bist gerne eingeladen, hier Sachen zu verändern und ergänzen! „Habt ihr auch was zu Politik? Oh, Gesellschaftsordnung liegt da unten? Das müsste nach oben in die Mitte.“ Ich kann die Leiter rüberholen, wenn du es umhängen willst. „Wirklich?“ Sie hängt das Schild hoch und lacht.

In einem meiner ersten Gespräche habe ich die Frage gestellt: „Wie stellt ihr euch denn die Zukunft vor? Was würdet ihr euch denn wünschen?“ . Zuvor hatten sie mir gesagt, dass ihnen die weissen Wände gefallen, dass es ein schöner, schlichter weisser Raum sei. Das ist aber nicht das, worum es hier geht. Es geht um Zukunftsvorstellungen, um positive. Als ich danach gefragt habe, entgegnete sie „das ist mir jetzt etwas unangenehm“ . Auch nach mehreren Nachfragen, wollten sie nichts in die Richtung sagen.

Der Widerstand in die Zukunft zu denken oder die Zukunft zu denken, war viel grösser als jetzt, 53 Jahre später. Historisch betrachtet, war das Jahr 2017 der Zeitpunkt als ein grosser Teil der westlichen Zivilbevölkerung aus dem Dornröschenschlaf erwachte (in den es am 9.11.1989 fiel) und ihr historisches Bewusstsein wieder erlangte. Anfang 21. Jh. hatte man irgendwie vergessen oder verdrängt, dass das Menschenbild der Aufklärung nicht per se ist, dass der europäische Frieden nicht per se ist, dass die Kultur, die Wissenschaft, die Medien nicht per se frei sind und selbstverständlich als notwendiger Bestandteil einer Friedens-Gesellschaft gelten. Man lebte so, als wäre es schon immer so gewesen, als wäre es selbstverständlich. Dieser ‘Ausruh-Selbstverständlichkeits-Zustand’, nannte man damals Wohlstandsverwahrlosung.

Es könnte sein, dass es da einen Zusammenhang gibt. Vielleicht haben wir deswegen, diesen flachen, an der Oberfläche kratzenden Blick, dieses kalte Schauen, dass die gegenwärtige Erfahrung bloss auf ihren quantifizierbaren Genusswert abklopft, weil wir die Fähigkeit zu träumen verloren haben, weil uns die Phantasie abhanden gekommen ist, weil wir enttäuscht sind und uns keinen falschen Hoffnungen mehr hingeben wollen.

Das Erproben utopischen Denkens war uns (Neue Dringlichkeit) damals, in den düsteren Zeiten des frühen 21. Jhs., sehr wichtig. Wir mussten wieder lernen neugierig zu sein auf die Zukunft. Neugierig und offen. Diese neugierige Offenheit ist uns (einem grossen Teil der westlichen Kultur) damals vor lauter kollabierenden Sozialsystemen, aufstrebendem Rechtspopulismus und dämonisierten Medienlandschaften fast abhanden gekommen.

Aber wir (die Weltbevölkerung) haben die Kurve gerade noch gekratzt. [Historical-Fun-Fact: Trump wurde genau ein Jahr nach seiner Inauguration am 20. Januar 2018, gestützt auf dem 25th Amendment, seines Amtes enthoben.]

Zurück zum Tisch. Umschauen wer neu dazu gekommen ist.

Ich hatte mich also an den Tisch für intensive Gespräche zurückgezogen und war da auch ganz bequem. Vielleicht meine Gesprächspartner aber nicht, denn sie verliessen nach und nach den Tisch. Warten bis jemand anders sich dazu setzt? Oder doch aufstehen? Also gut. Ein neues Glas blauer Sekt wäre um mich aufzulockern nicht nötig, mein Gesicht leuchtete schon angeschwipst-rot, aber schaden kann es nicht.

 

19:00

Die Art wie die ersten Besucher*innen durch die Ausstellung gingen, versetzte mich in Panik. Sie liefen allein auf die Wände zu und betrachteten sie mit dem strengen Blick, mit dem man Werke in Museen abtastet. Aber das waren keine Werke.

Der einzige Ausweg war, so schnell wie möglich und so intensiv wie möglich mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Das wollte ich dann tun. Brauchte aber noch fünf Minuten Pause.

Ich reisse mich zusammen, spreche jemanden an, den ich nicht kenne. Hallo! Blauer Sekt? „Blauer Sekt!“ Führung? „Führung!” Er sagt Klima ist seine Leidenschaft. Hat gerade dazu promoviert. Er will den Scnat-Film schauen.

Zurück zum Tisch. Kurz sitzen bei Lisa, die sich ernst unterhält. Der Humus ist lecker. Jemand fragt wie er ihn essen soll ohne Teller.

Essen in Tablettenform! wünscht jemand anderes. Werden wir überhaupt noch essen in der Zukunft? Oder per Infusion unsere Nährstoffbedürfnisse decken? Und was dann, mit all der neuen Zeit? Wenn auch die Roboter die meisten Arbeiten übernehmen werden? Ich will essen, kochen, schmecken, eigentlich auch arbeiten, aber ohne den Druck der Existenzangst im Nacken. Angst in Tablettenform. Freude in Tablettenform, naja gibts ja schon. Habt ihr eigentlich auch Drogen? Nicht mehr nötig, in der Zukunft.

 

19:30

Ich habe einen Freund durch die Ausstellung geführt und ihn gefragt, wie er sich die Gesellschaftsordnung der Zukunft vorstellt. Das hat ihn zu einem gefühlt 40 minütigen extatischen Monolog veranlasst. Ich kann hier nicht alle Einzelheiten wiedergeben. Grund- sätzlich ging es ihm darum, dass es möglich sein könnte, die Gesellschaft von Grund auf zu erneuern, gerechter zu gestalten, ja zu einer Utopie zu machen, indem man innerhalb der bestehenden Rahmen und Spielregeln kleine Verschiebungen einführt. Wir müssten beispielsweise Unternehmen nicht abschaffen, aber ein oder zwei Schaltstellen so umstellen, dass sie nicht mehr blind nach Profit streben, sondern der Gesellschaft dienen. Er sprach von einer Gesellschaft, in der die Produktion weitestgehend automatisiert ist, in der die Ergebnisse dieser Produktion aber allen gleichmässig zugute kommen. Die Frage ist jetzt, an welchen Schrauben man drehen muss, damit das möglich wird.

Was soll denn daran utopisch sein? Wieso ist das eine Vision? Neue Richtung: Es geht jetzt um schlechte Visionen, gute Visionen. Ich ungeduldig, gut/schlecht, wozu denn jetzt diese Kiste aufmachen? Wir wollen hier doch über Utopien reden. Schon, aber wenn du über positive Vorstellungen sprichst, dann lässt du die negativen Seiten weg. Utopien haben auch etwas Ideologisches. Mag sein, ist mir aber für den Moment egal, können wir nicht einfach über Utopien reden und jetzt nicht gleich alles bewerten? Einfach mal die Phantasie Kiste aufmachen? Du widersprichst dir. Gar nicht. Erkläre es mir. Habe ich doch schon. Ja, aber das ist Blödsinn. Wir streiten uns. Zwei Personen aus der Gruppe finden den Ausstieg und verkrümeln sich. Ich rot und frustriert über den Gang der Unterhaltung. Wieso reden wir aneinander vorbei? Ich checke es weiter nicht und rede einfach weiter. Irgendwas. Mein Gegenüber hört geduldig zu. Und dann dämmert es mir langsam: wir haben die Unterhaltung von zwei verschiedenen Standpunkten aus gestartet. Es war gar nicht so einfach über etwas zu sprechen, das in meinem Kopf so viele negative Vorstellungen hervorruft. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich in der Wiederholung von düsteren Zukünften oft die Meinungen von bestimmten Leuten, wie Wissenschaftler*innen oder Journalist*innen wiederhole. Ich glaube, ich möchte nicht nur mich, sondern auch Andere dazu einladen eigene Visionen sprechen zu lassen bzw. zu entwickeln. Vielleicht schaffe ich durch das Hören von mehr Stimmen ein vielseitigeres Bild von Zukunft zu entwickeln. Von meinem Gegenüber wollte ich gerne diese Visionen hören und habe ihn eingeladen diese mit mir zu teilen. Am Anfang der Unterhaltung war er aber genau da, wo ich vorher auch war: bei Dystopien.

Wie wäre es, wenn wir direkt in Bildern kommunizieren würden? Wenn anstatt sprachlicher Beschreibungen zwischen uns, hologrammhaft ein Bild erschiene, mein Bild vor deinen Augen? Wie wäre es, wenn du ihm ein zweites daneben stellen würdest, oder meines sich durch Kraft deiner Gedanken verändern liesse? Sprache, Übersetzung würde seine Bedeutung verlieren, oder zumindest gravierend verändern.

 

20:00

Ich sehe Cedric und seine Freundin. Hallo! Führung? „Führung.” Wir wollen herausfinden, wie sich Utopien denken lassen. Meine aktuelle literarische Lieblingsutopie ist die Culture-Serie. Melancholischer Anarchismus. „Kennt ihr Neuromancer?“ Klar. Steht auch in unserer Bibliothek da drüben, ist aber natürlich eher dystopisch. Drüben zwischen den Begriffswänden sagt Cedric Planet Magnon ist das beste was er seit langem gelesen hat. Wir sollen mit Philipp Theison reden. Cedric sagt, er mag Liberalismus als Gesellschafts- ordnung. „Arbeit und Freizeit müsste man verbinden.“

Es ist schwierig, die Bereiche gesellschaftlichen Lebens der Zukunft so harsch zu trennen. Müssten wir sie nicht viel eher in ihrer Verwebung sehen?

Wollt ihr? Wir haben Faden und Nägel für sowas. Ich hole sie mal, wartet hier. Der Hammer ist nicht auf dem Tisch. Rumfragen. Miriam sagt er ist in der Werkstatt. Wo ist der Werkstattschlüssel? In der Küche. Wo ist der Küchenschlüssel. Rennen, damit die beiden nicht zu lange rumstehen. Hammer, Nägel, Faden, Post-Its. Ich lasse sie dort weitermachen.

We. Are. So. Contemporary. Wie können wir zukünftig sein?

Bald darauf kam eine Freundin von mir und ich führte auch sie durch die Ausstellung. Dieses mal war es eher so, dass ich erklärt habe und sie Fragen gestellt hat. Als ich ihr den Film zeigte, wo wir unterschiedliche Naturwissenschaftler*innen auf dem Kongress gebeten haben, so zu sprechen, als wäre es bereits das Jahr 2070 geschah etwas, was ich nicht vorhergesehen hatte: sie war wenig beeindruckt von der Radikalität der Prognosen und sagte, sie könnte sich da noch ganz anderes vorstellen.

Die nächste Gruppe stand nah. Hallo. Hallo auch. Ich finde hier fehlt das Wort Hacking an der Wand. Die Auswahl ist nicht vollständig. Du ergänzt sie gerade. Warum fehlt dir denn das Wort Hacking? Eine Unterhaltung spannt sich auf über Live-Hacking und was wir damit machen können.

Warum fehlt der Kulturbegriff in eurer Aufzählung? Fragt mich jemand. Oder fragte ich mich es selbst? Der gleiche sagt später, mir fehlt der Begriff der gesellschaftlichen Perspektive. In unserer Gesellschaft geht es immer nur um das Ego. Wo lernen, wo üben wir, wieder das gemeinsame zu sehen? Die commons, common ground. Wie ist der deutsche Begriff dafür?

In den frühen Jahren des 21. Jahrhunderts wurde die interventionistische Internationale gegründet: die grösste globale zivile Bewegung (pazifistisch) seit der Existenz des Menschen auf dem Planeten Erde. Die interkulturellen, interstaatlichen und interkommunikativen Kompetenzen konnten sich ab 2018 exponentiell entwickeln, weil man die ‘politischen Roaming-Gebühren’ abgeschafft hatte. Der*die planetare Bürger*in wurde realpolitisch umgesetzt und war nicht mehr ‚nur‘ ein theoretisches Konzept oder eine individuelle Lebensphilosophie.

Zurück zum Tisch. Bier. Christoph fragt nach Blättchen. Hab leider keine. Nur Zigaretten.

 

20:45

Dann kam jemand, den ich nicht kannte. Er hatte über Facebook von dem Event erfahren. Aber wusste sonst nichts über unser Vorhaben. Als ich ihm erklärte, dass es uns darum ginge, eine Euphorie für das Erdenken von Zukunftsvisionen wieder zu erwecken, entgegnet er, es sei völlig sinnlos, über die Zukunft nachzudenken, stattdessen solle man sich auf die Gegenwart konzentrieren. Er war darin sehr entschieden. Ich fragte ihn, warum. Er entgegnete: weil nur die Gegenwart real ist.

Eine Künstlerin aus der Ukraine schüttelt den Kopf. Why Future? That’s so retro, und sie hat recht, drehten sich doch grosse Teile sowjetischer Ideologie und Kulturpolitik um den Zukunftsbegriff. Laika the cosmonaut dog, the future communist utopia, Tatlin’s Tower… Wir und unser Bedürfnis nach einer dringenden, aktuellen Zukunftsdebatte sind so von unserer westlichen Perspektive geprägt. Wir wollen dem etwas entgegensetzen, und zeigen mit unserem Impuls, unsere westliche Verankerung. Nichtsdestotrotz, sollten wir uns nicht davon abhalten lassen. Ich höre einen serbischen Kollegen vor meinem inneren Ohr, einen der vehementesten Verfechter eines nötigen Post-Marxismus, den ich kenne.

Nach einer Zeit stellte sich heraus, dass er mehrere Bücher über Buddhismus gelesen hatte. Ich interessiere mich auch sehr für Buddhismus, insofern war ein gemeinsamer Boden für ein Gespräch da. Nachdem ich ihn darin bestärkt habe, dass es natürlich wichtig sei, in der Gegenwart zu verweilen, konnte ich ihn ein bisschen in die Richtung bewegen, dass es dennoch auch sinnvoll sein kann, sich eine Zukunft vorzustellen, die wünschenswert ist, weil die Zukunft uns den Raum geben kann, in der Gegenwart entschieden zu handeln.

In lebhafter Erinnerung bleibt mir das eindringliche Küchengespräch mit Dimitrina über ‘Utopia’ von Thomas Morus, währenddessen spülte und trocknete ich 40 Plastikgläser ab.

 

21:30

Dann kam ein anderer Freund vorbei und brachte eine Gruppe von Freunden mit. Wir sprachen darüber, ob unsere Hypothese stimmt, dass es wichtig sei, sich eine positive Zukunft vorstellen zu können, um handlungsfähig zu sein. Sie entgegneten, dass es möglicherweise wirkungsvoller sein könnte, die Leute in die richtige Richtung zu nudgen (zu stupsen) und sie durch kleine Interventionen auf die richtige Bahn zu lenken. Sonst bestünde die Gefahr, dass man zwar wisse, wie man sich richtig zu verhalten habe, dieses Wissen aber nicht in die Tat umsetzte.

Verhaltensregeln für bestimmte Räume (Kunsträume, Theaterräume, Universitäten, etc.) waren noch ganz klar definiert. Es fiel auf, wenn man sich nicht konform innerhalb des jeweiligen Verhaltenssystems verhielt. Das schubladisierende Disziplinen-Denken stammte aus der Moderne. Die Disziplinen innerhalb der Kunst wurden ebenfalls schubladisiert. Das Künstlerische hat schon damals versucht sich den zuordenbaren Kriterien zu widersetzen oder diese zu unterlaufen. Die Förder- und Kunstinstitutionen hielten jedoch noch eine ganze Weile an diesen Disziplin-Kategorien fest. Das brach erst in den 2022igern komplett auf. [Historical-Fun-Fact: In Zürich passierte das, als das von der Stadt Zürich durchgeführte Projekt ‚Tanz- und Theaterlandschaft Zürich‘ kulturpolitische Konsequenzen nach sich zog (2018-2022) und alle institutionellen Traditionen in Frage gestellt wurden und neu zu definieren waren.] Heute gibt es diese strukturelle Trennung der Disziplinen nicht mehr. Diese Entwicklung konnte man bereits rund um 2015 erkennen, als ‘transdisziplinäres’ Arbeiten in vielen Bereichen Trend wurde.

Dann entspann sich mit jemandem aus der Gruppe ein Gespräch darüber, wie wir Zukunft vorhersagen können und darüber, wie wir in unserem Nachdenken über Infrastruktur Dinge und Menschen symmetrisch denken können.

Björn ist schon eine Weile da und ich begrüsse ihn. Führung? Führung mit immer mehr Leuten. Grosse Gruppe. Schaffe ich nicht alleine. Christopher dazu holen? Ja.

In der nächsten Dreiviertelstunde entstand eine seltsame performative Anordnung: wir beide kippten ständig dazwischen hin und her einerseits eine Führung im klassischen Sinne zu geben (so wie man Leute durch eine Ausstellung mit fertigen Werken führen würde) und zuzugeben, dass alles noch gar nicht fertig ist und die Gruppe nach ihrer Meinung zu Gestaltungsmöglichkeiten zu fragen. In der Post-It-Wolke hängt geile weiber. Hass. Ratlosigkeit. Die Gruppe hörte teilweise aufmerksam zu, verstreute sich dann bald in verschiedene Richtungen, um dann wieder zurückzukehren. Einzelne gehen weg und andere kommen dazu. Ich glaube es gab da eine Korrelation: wenn wir entschieden als „Museumsführer*innen“ auftraten, konnten wir ihre Aufmerksamkeit bündeln, wenn wir ins schwanken gerieten, zerstreuten sie sich. Kritische Fragen. Christopher nickt, dankt, notiert ins gelbe Buch. Ja, aber, ja, aber, ja, aber. Versuch der Zurückhaltung. Versuch der Verteidigung. „Wenn der Prozess offen ist, warum dann ein abgeschlossenes Stück? Lasst es doch bis zum letzten Tag offen und zeigt dann den aktuellen Prozesspunkt.“ Bin fertig mit den Nerven. Entscheidungen bewahren den Verstand. „Was meint ihr mit Labor?“ Suchen, suchen, was meinen wir? Ah, Experiment, ah Forschungsfrage. Wir wollen mit verschiedenen Ansätzen herausfinden, wie sich utopisches Denken ermöglichen lässt. Beispiel Führungen, Beispiel Scnat-Film. Christopher hält sich am gelben Buch fest. Ich will weg. Komme zurück.

Eine Zeit lang verbrachten wir damit, zu erklären, inwiefern der Prozess in der Shedhalle von uns als partizipativ gedacht ist. Der erste Einwand dagegen war: schlagt ihr nicht Kapital daraus, dass sich hier alle beteiligen. Wir antworteten: ja. Aber deswegen ist es uns gleichzeitig so wichtig das Konzept von Autorschaft zu hinterfragen. Denn wenn Autorschaft flüssig ist, dann unterschlagen wir Künstler*innen nicht die immaterielle Arbeit von vielen – sondern wir stellen sie als Kollektiv zur Verfügung. Der zweite Einwand war: jetzt hier in der Shedhalle ist der Prozess offen, wenn ihr aus den Ergebnissen aber eine Theaterproduktion macht, dann schliesst ihr den Prozess wieder gegen aussen. Das ist inkonsequent. Wir notierten den Einwand und entgegneten, dass wir darüber nachdenken auch die Aufführung brüchig und offen zu gestalten. Möglicherweise sogar partizipativ.

Partizipative Prozesse: Wer nimmt teil? Wer nimmt für wen teil? Wer nimmt einen Teil mit? Wem dient das teilnehmen? Wer schlägt welches Kapital (symbolisch, kulturell, ökonomisch) daraus? Warum schlägt Kunst fast immer (v.a. symbolisches und kulturelles) Kapital daraus? The ‘value creation question’ – big time: Which value creation happens where, with whom, in which practice, in which discursive language and where is the impact and where does it find its legitimation? Is arts praxis so fluffy that it can absorb and use all other practices? Künstlerischen Arbeiten gibt diese Art von Partizipation auch eine Legitimation: We talked to those and those people and they are experts and so on. Or is it just the mainstream authenticity-urge? Are artists not real (authentic) enough, so they need non-artist people to strengthen their art?

Im weissen Raum, in dem wir an den Wänden mit Schriftzügen verschiedene Themen angebracht hatten, war eigentlich dafür geplant, die Besucher*innen zu den Wänden zu führen und zu sagen: Was denkst du – wie stellst du dir Wirtschaft im Jahr 2070 vor? Unsere Gruppe fand den Raum irgendwie nicht anregend diesbezüglich. Die festen Überschriften, die weissen Wände, die Trennungen der Themen – das alles wirkte auf sie nicht futuristisch.

Rückblickend ist interessant festzustellen, dass das Labor der Zukünfte 2017 in sich sehr gegenwärtig war. Damit meine ich, dass wir mit damals gegenwärtigen Methoden und Materialien über die Zukunft nachgedacht bzw. uns mit ihr auseinandergesetzt haben. Es hingen Post-Its an den Wänden (damals das Tool für kreative und kollektive Prozesse), Monitore aus den 1990igern haben Filme abgespielt und Lebensmittelfarbe wurde dafür eingesetzt Prosecco blau werden zu lassen. Heute im Jahre 2070 ist es uns aufgrund der historischen Durchbrüche in den Bereichen Augmented Reality und künstlicher Intelligenz der 2040iger Jahre möglich, die Zukünfte mit noch nicht entworfenen (zukünftigen) Methoden und Materialien zu entwerfen, zu gestalten und zu erleben. Früher haben wir uns Filme und Serien (Her, Interstellar, Westworld) auf Leinwänden angeschaut und heute sind wir in den Filmen drin und entwickeln sie von innen heraus. It’s crazy.

Der Modus, eine Kritik als Vorschlag aufzunehmen erwies sich in der letzten Phase des Gesprächs als wichtig. Wir sprachen darüber, wie der Raum gestaltet sein müsste, um sie zum Phantasieren zu veranlassen. Wir nahmen Vorschläge auf: anstatt Themen zu setzen, könnten wir Fragen stellen. Anstatt mit logischen Begriffen, könnten die Wände mit sinnlicheren Inputs versehen werden. Vielleicht könnten wir die Fragen auch darstellerisch zur Verfügung stellen, vielleicht könnte es sogar eine Art Ritual sein, das die Euphorie wieder weckt. Zwischenzeitlich schien es so, als hätte sich die Gruppe in eine Focus-Group verwandelt, eine kleine Schar von Test-User*innen, die uns Feedback zu unserem Produkt gaben. Aber das sollte doch gar kein Produkt sein.

Früher konnte man Labor schreiben oder Prozess sagen und trotzdem wurde alles was sich im Raum befand als etwas Fertiges betrachtet und dahingehend bewertet. So wurden fragile und sich im Wandel begreifende Zustände fast von Anfang an im Keim erstickt. Irgendwie konnte man damals nur im Nachhinein (rückblickend) Prozesse oder Prozessabschnitte analysieren und bewerten. – Den meisten Menschen war es alleine (ohne künstliche Hilfe) nicht möglich im Prozess dem Prozess entsprechend zu feedbacken. Das wurde alles einfacher als man 2022 den ersten Process-Oriented-Feedback-Bot entwickelte.

Zum Tisch. Bier. Marcel ist da. Freude. Silberner Nagellack für Tine und Christoph.

 

23:50

Es war jetzt spät. Ich war inzwischen erschöpft und setzte mich an den Tisch, wo inzwischen viele sassen. (Über den Abend hinweg waren etwa 100 Leute da.) Bei Rotwein und pinkem Humus redeten wir über Roboter, die Entwicklung der Technologie und die Entstehung von Geld. Jetzt sassen an dem Tisch Leute, die sich oftmals vorher nicht kannten und sprachen wie Freund*innen über die Vergangenheit, die Gegenwart und über mögliche Zukünfte. Jetzt, spät am Abend, hatte sich das eingestellt, was ich mir erhofft hatte. Es ging jetzt nicht mehr darum, etwas zu zeigen, dass als abgeschlossenes Kunstwerk bewertet wird. Es ging darum – durch einen künstlerischen Prozess vermittelt und als Teil eines künstlerischen Prozesses – zu sprechen, zu reflektieren, zu planen.

Diese Situation ist symbolisch für etwas, was unsere Arbeit seit Jahren prägt. Wir wollen einen Raum aufmachen, um mit Menschen zu sprechen, um über Themen zu reden, die uns beschäftigen, um gemeinsam nach Auswegen aus schwierigen Lagen zu suchen und – ja – wir benutzen dazu den Rahmen der Kunst oder des Theaters oder des Films. Wir tun das, weil wir uns erhoffen, dass dieser Rahmen eine andere Art von Offenheit bietet, dass er es ermöglichen kann, Menschen aus verschiedenen „tribes“ zusammenzuführen und weil wir ihn mögen. Ich mag es wenn es bunt ist, ich mag Video, ich mag White Cubes. Ich mag es nicht, wenn ein urteilender Blick diese Räume der Begegnung streng auf seine ästhetischen Qualitäten abfragt. „Hatte es eine Bedeutung, welche Farben die Post-Its hatten?” „Nein, hatte es nicht. Wenn der gelbe Stapel alle war, habe ich den rosanen genommen”. Warum fragten nur wenige etwas zu dem, was auf den Post-Its drauf stand? Zu den Konzept-Skizzen? Zu den Mindmap-förmigen Gesprächsnotizen? Zum Budget, das wir an die Wand gehängt haben?

Langsam los? Immer weniger Leute. Abspülen. Reden mit Marcel. Wie geht Gruppenarbeit? Was kann ich anders machen? Miriam zeigt ihre Jacke. Bald weiterziehen. Auf dem grossen Klo sind Maja und Lisa. Abschied. Taxi. Warten in der Kälte. Laufen. Club. Line. Pille.

Wie sieht Sex der Zukunft aus? Wird es einen menschlichen Orgasmus auf Knopfdruck geben? Oder sinnliche Roboter, die selbst Lust empfinden können? Was unterschiede dann einen Roboter noch von einem Menschen?

Das Zusammenleben und die Zusammenarbeit mit Bots und Androiden ist heute nicht mehr wegzudenken. Dazu: Bei der Eröffnung im Februar 2017 waren die kleinen Wurm-Gadgets ein Hit. Die kleinen Dinger konnten noch nichts, ausser verpeilt auf dem Boden rumkrabbeln. Ihre Anwesenheit war dennoch wertvoll, da die Menschen spielerisch an der Beziehung Mensch-Bot arbeiten konnten.

Eine Frage bleibt mir besonders. Lisa fragte: Kann es sein, dass ich in der Zukunftsvision meiner Grosseltern lebe? Haben die sich das so vorgestellt?

 

PDF: LABOR DER ZUKÜNFTE: Kollektives Erinnerungsprotokoll

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